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Lesequickie - Leseprobe regionaler Autorinnen und Autoren

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Fünf Geschichten – eine Region: Nur AutorInnen mit einem besonderen Bezug zu unserer Heimat! Fünf Geschichten – ein Genre: Jede Ausgabe mit einem speziellen Genre - erkennbar an der Banderole! Fünf Geschichten – eine Mission: Beste Unterhaltung für die kleine Pause zwischendurch! Autoren: Carolin Summer - Narrenlauf - Die Weltenwechsler Akten (Band I) Benjamin Spang - Blut gegen Blut Carsten Schmitt - Tadukeh Heike Knauber - Najaden Das Siegel des Meeres Tanja Karmann - Der Mitternachtsladen - Verbundene Welten

schon von Geburt an

schon von Geburt an fest. Das war ja das Finstere an diesem urzeitlichen Brauch. Meliaé legte einen Giftpfeil ins Blasrohr und steckte die Verlängerung auf. Drei Pfeile waren noch übrig. Bei Weitem nicht genug, um gegen Simhas Krieger etwas auszurichten zu können. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine fallende Bewegung wahr, und im nächsten Moment klatschte es auch schon ins Tosbecken. Sich reckende Hände tauchten in dem schäumenden Brodeln auf und verschwanden wieder. Meliaés Blick jagte hinauf zur Felsenkante, über die sich die Wassermassen stürzten. Wer immer da gesprungen war, hatte alles gewagt, um sich vor seinen Verfolgern zu retten. Doch er schaffte es nicht mehr an die Oberfläche. Zwei Atemzüge ließ sie noch verstreichen, dann hechtete sie ins Wasser. Als sie die sprudelnde Kühle in die Lunge sog, schärfte sich ihre Sicht, aber sie unterdrückte ein Fortschreiten der Verwandlung, indem sie die Beine grätschte. Vor ihr in den Luftblasen trieb ein dürrer Arm. Ein Kind! Von der Wucht des Wassers wurde es gegen die Felsen gedrückt, es konnte nicht auftauchen. Meliaé streckte sich und bekam seinen Ellbogen zu greifen, ihre Finger rutschten weiter und umfassten einen schmalen Unterarm. Sie zog den schlaffen Körper an sich und sah in ein braunes Jungengesicht, umrahmt von schwarzem Haar. Der Geruch von seinem Blut wehte ihr in die Nase, und ihr zog sich das Herz zusammen. Sie packte den Jungen um den Bauch und stieß mit ihm aufwärts. Auf der Stelle tretend versuchte sie, seinen Kopf über Wasser zu halten. Doch er kam nicht zu sich, und sie schaffte es nicht, ihn noch länger hochzuhalten. Hastig zog sie ihn zu den Felsen am Rand des Tosbeckens. Mit den Füßen suchte sie nach einem Halt, und es gelang ihr, sich mit dem Jungen ein Stück aus dem Wasser zu drücken. Doch dabei stieß seine Stirn unsanft gegen ihre Schulter. Behutsam ließ sie seinen Kopf in die Handfläche gleiten, um nachzusehen, was mit ihm war und warum er nicht zu sich kam. Blut und Wasser rannen über sein Gesicht, das trotz der Bräune erschreckend fahl wirkte. Jetzt erkannte sie ihn. Das war Anuk, ein Junge aus einem nahegelegenen Dorf. Er hatte nichts als Unsinn im Kopf. Und er war ein Feuerkind. Von Geburt an war er dem Feuerberg versprochen. »Oh, Anuk, was hast du nur wieder angestellt?« Meliaé biss sich auf die Lippe, ihr Daumen berührte eine dicke Beule hinter seinem Ohr. Mit der freien Hand zog sie sich an den Felsen hoch, bis sie eine Nische fand, in der sie ihn ablegen konnte. Hastig stieg sie über ihn hinweg und schob den Arm unter ihn. Als sie den zierlichen Körper zu sich heranzog, rutschte sie mit dem Knie in eine Felsspalte, und der Schmerz jagte ihr wie eine Speerspitze durch den Oberschenkel. Keuchend presste sie das Kind an ihre Brust. Es half nichts. Weiter. Sonst kippte sie vornüber und landete wieder im Wasser. Sie biss die Zähne zusammen, machte eine Drehung und ließ sich mit ihrer Last nach hinten kippen. Heller Schmerz explodierte in ihrem Knie, als das Gelenk zwischen den Steinen herausrutschte, und in ihrem Rücken wurde von den spitzen Steinkanten alles taub. Anuk aber riss hustend die Augen auf, und Meliaé spritzte Wasser vermischt mit Erbrochenem ins Gesicht. Zitternd stemmte sie den Jungen von sich weg. »Meli?«, japste er und patschte ihr mit den Händen im Gesicht herum, als müsse er sich davon überzeugen, dass sie es wahrhaft war. Sie konnte ihn nicht länger halten, und er plumpste auf ihre Brust und schlang ihr so fest die Arme um den Hals, dass sie keine Luft mehr bekam. »Oh, Meli, hilf mir …« Der Rest ging in einem Gemisch aus Husten und Weinen unter. Aber dann schien er sich zu fassen, rollte sich von ihr herunter und zerrte an ihr, um ihr aufzuhelfen. »Mannpferde und Gehörnte.« Wieder schüttelte ihn ein Weinkrampf. In seinen mandelförmigen Augen stand blankes Entsetzen. »Sie sind mit der Nacht über uns gekommen. Aber ich war nicht da, ich war bei Lu und Nenek. Lu wird heute sterben, sagt Nenek. Die Geister sagen das.«

Meliaé kämpfte sich hoch und zog den aufgelösten Jungen in die Arme. »Lu muss nicht sterben. Ich kann ihr ganz bestimmt helfen.« Mannpferde. Das Wort, das Anuk gebraucht hatte, ließ sie nicht los. Meinte er etwa, dass Kentauren das Dorf überfallen hatten? »Bist du gesprungen, weil ein Mannpferd hinter dir her war?« »Nein, es war ein grün …« Erneut musste Anuk husten. Im Augenwinkel bemerkte Meliaé eine Bewegung. Ein Schemen glitt mit der gleißenden Gischt ins Tosbecken. »Bleib unten!«, zischte sie leise und schob den Jungen von sich. Ihr Blick jagte zur Absturzkante des Wasserfalls hinauf. »Da ist noch immer jemand hinter dir her.« Auf Händen und Füßen lief sie über die moosbewachsenen Steine zu der Stelle, an der sie das Blasrohr hatte fallen lassen. Der Giftpfeil steckte noch im Mundstück und war trocken geblieben. Sie drehte die Verlängerung fest und kauerte sich zwischen die Felsen. Den Behälter mit Giftpfeilen legte sie griffbereit neben sich. Aus dem Schäumen tauchte ein Kopf auf, sehnige Arme teilten in kräftigen Schwimmzügen das Wasser. Meliaé konzentrierte sich auf das Doppelbild, das sie sah. Aber das Rohrende zitterte, und das Gesicht des Mannes verschwamm zu grünlichen Schlieren. Sie zwang ihren Atem, ruhiger zu fließen, zählte das harte Klopfen in ihrem Hals. Wer das auch war, war noch immer hinter Anuk her. Sie stellte ihre Sicht scharf und schnappte nach Luft. Die Haut des Mannes war grün gesprenkelt, bei jeder Bewegung pulsierten die Farbtöne anders, begannen sogar in der Farbe des Wassers zu schimmern, das ihn umgab. Sein kurzes Haar klebte dick mit einer grünlichen Paste beschmiert an seinem Kopf. Der Mann war kein Vasumati. Und allem Anschein nach war er nicht einmal ein Mensch. Was wollte er von Anuk? Meliaé visierte ihn wieder durch das doppelte Rohrende an, doch er tauchte ab. Er hatte sie gesehen. Mit dem Blasrohr an den Lippen richtete sich Meliaé auf, und beim nächsten Herzschlag schoss er direkt vor ihr aus dem Wasser ... Hat‘s dir gefallen? Buchtitel: Verlag: Najaden Das Siegel des Meeres Blanvalet / Verlagsgruppe Random House ISBN: 978-3-7341-6143-8 Paperback, Klappenbroschur, 608 Seiten.

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